Pressemitteilung

„Kirche muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren“

Referat bei Synode: Präses Dr. Thorsten Latzel zur Zukunft der Kirche

  • Nr. 89/2021
  • 11.6.2021
  • 3288 Zeichen

Düsseldorf.Um die Kirche neu aufzustellen, bedarf es geistlicher Orientierung und einer konsequenten Orientierung an den Mitgliedern.“ Das hat Dr. Thorsten Latzel am Abend vor den Mitgliedern der Synode des Kirchenkreises An der Agger betont. „Das Modell ,Volkskirche‘ mit selbstverständlicher Mitgliedschaft, flächendeckender Präsenz und behördlichen Strukturen hat ausgedient“, machte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland deutlich.

Thorsten Latzel, der seit März oberster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche ist, hielt auf der Synodalversammlung, die digital durchgeführt wurde, ein Impulsreferat mit dem Titel „Kirche der Zukunft“. Darin stellte der 50-jährige Theologe fest, dass Mitglieder- und Relevanzverlust nicht neu sind: „Die Faktoren, die dieser Entwicklung zugrunde liegen, kennen wir seit Jahrzehnten. Als Kirche haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir sind gut im Diskutieren, aber schlecht im Verändern. Unser Problem ist, dass wir in alten Strukturen verhaftet bleiben und uns nicht konsequent auf die grundlegend veränderten Voraussetzungen einstellen.“

Die Menschen fragen, was ihnen im Leben und Glauben wichtig ist!

Die Kirche lebe aus der Kraft des Heiligen Geistes, so Präses Latzel: „Sie vertraut auf Gottes Verheißungen und bezeugt seine Gegenwart in der gesamten Schöpfung. Das tut sie nur glaubhaft, wenn sie sich für ihre Mitglieder interessiert; wenn sie danach fragt, was ihnen im Leben und in ihrem Glauben wichtig ist. Die Kirche muss sich an den persönlichen Bedürfnissen derer orientieren, die sie aufsuchen.“ Das gelte für die geistliche und seelsorgliche Begleitung, vor allem an den biographischen Lebensübergängen wie etwa Volljährigkeit, Umzug oder Berufsstart.

Heimat für Menschen mit verschiedenen Interessen und Herkunft

Um den damit verbundenen Aufgaben gerecht zu werden, brauche die Evangelische Kirche im Rheinland einen gelingenden kirchlichen Föderalismus. „Die Grundgedanken des presbyterial-synodalen Systems sind hochaktuell, denn es kommt den Leitideen moderner Netzwerk-Organisationen und einer Start-Up-Kultur entgegen. Vom Ansatz her zeichnet es sich aus durch flache Hierarchien, postmaterielle Werte, Partizipation. Diese Ansätze gilt es gegen strukturkonservative Tendenzen auszubauen. Mithilfe einer mixed economy bieten wir Menschen verschiedener Herkunft und mit verschiedenen Interessen eine Heimat“, sagte Latzel: „Unsere Aufgabe ist es, das eigene Selbstverständnis unter den veränderten Rahmenbedingungen neu zu entfalten, die großen Potenziale für eine moderne Netzwerk-Organisation zu nutzen und die Evangelische Kirche im Rheinland so zukunftsfähig zu gestalten“, appellierte er an die mehr als 100 Mitglieder des obersten Leitungsorgans des Kirchenkreises An der Agger. Und weiter: „Wir glauben an Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der uns in Christus zu neuen Menschen macht und in seinem Geist Grenzen überwindet. Gott ist ein dynamisches, weltschaffendes Liebes-Geschehen. Das sollte reichen, um selbst die Evangelische Kirche im Rheinland zu verändern.“

Zur Person: Präses Dr. Thorsten Latzel

Thorsten Latzel (50) ist seit 20. März Präses. Seit 2013 war er Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt. Im EKD-Kirchenamt war er für Studien- und Planungsfragen und das Projektbüro Reformprozess zuständig (2005 bis 2012). Zuvor arbeitete Latzel als Pfarrer in Erlensee-Langendiebach. Aufgewachsen in Bad Laasphe, studierte er Theologie in Marburg und Heidelberg. Im Blog glauben-denken.de veröffentlicht er wöchentlich theologische Impulse. Dr. Latzel ist verheiratet und hat drei Kinder.

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Die Evangelische Kirche im Rheinland erstreckt sich über Teile der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen. Sie gliedert sich in 37 Kirchenkreise mit 655 Kirchengemeinden. Die rheinische Kirche hat rund 2,4 Millionen Mitglieder.
  • Jens Peter Iven
  • ekir.de/Dominik Asbach