Pressemitteilung

Homeoffice mit Kindern: Zehn Tipps, um nicht durchzudrehen

Was Diplom-Psychologe Volker Rohse Eltern jetzt rät

  • Nr. 58/2020
  • 30.3.2020
  • 7762 Zeichen

Düsseldorf. Zu Hause zu arbeiten und gleichzeitig die Kinder zu betreuen, stellt Eltern gerade vor eine große Herausforderung. Helfen kann dabei  ein strukturierter Wochenplan, den alle gemeinsam erstellen. Diplom-Psychologe und Familientherapeut Volker Rohse  hat einige Tipps, wie Familien diese schwierige Zeit gut überstehen können. Volker Rohse leitet die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen im Kirchenkreis An der Ruhr. (Hinweis: Die nachfolgenden Tipps können Medien unentgeltlich bei Quellenangabe „ekir.de“ redaktionell nutzen.)

 

1. Machen Sie gemeinsam mit den Kindern einen Wochenplan.

Viele Familien erstellen sich gerade einen Wochenplan, auf dem für alle ersichtlich ist, was wann ansteht. Lassen Sie die Kinder dabei mitüberlegen und den Plan mitgestalten, dadurch wird es ein gemeinsames Projekt der Familie. Wenn die Kinder mitwirken können, fühlen sie sich ernst genommen und sind auch eher bereit, sich an Absprachen zu halten. Und sie können immer wieder nachschauen, wann die nächste Pause naht und sehen, dass am Wochenende auch wieder gemeinsame freie Zeit ansteht.

 

2. Behalten Sie Routinen und Rituale bei.

Kinder lieben Routinen, weil sie ihnen die Welt vereinfachen. Sie wissen: Ich kann mich auf etwas einstellen. Und Routinen helfen allen, den Alltag gut zu überstehen. Gerade in Zeiten, die durch Veränderungen gekennzeichnet sind, geben gleiche und verlässliche Abläufe Sicherheit und Orientierung.  Versuchen Sie, im Wochenplan Strukturen weiterzuführen, die den Kindern aus Kita und Schule bekannt sind.  Behalten Sie feste Zeiten zum Aufstehen und Schlafengehen bei. Genauso wichtig ist es aber auch, liebgewonnene Rituale wie das abendliche Vorlesen beizubehalten.

 

3. Schaffen Sie feste

Legen Sie Zeiten fest, zu denen sowohl Eltern als auch Kinder arbeiten. So schaffen alle, was sie schaffen müssen. Eltern können ihren Kindern dabei helfen sich zu strukturieren, indem sie sie entscheiden lassen, mit welchem Fach sie anfangen und welche Aufgaben sie bis zur nächsten gemeinsamen Pause schaffen möchten. Hierbei sollten sich die Kinder erreichbare Ziele setzen. So lernen Kinder, mit so wenig Hilfestellung wie möglich Verantwortung für ihre Aufgaben zu übernehmen. Aufgaben, die nicht allein gelöst werden können, werden später gemeinsam angeschaut.

 

4. Planen Sie ausreichend Pausen ein.

Je älter Kinder sind, umso länger ist ihre Konzentrationsspanne. Sind bei Kindern im Kindergartenalter 15 bis 30 Minuten schon eine lange Zeit, wenn sie sich selbst beschäftigen sollen, können für Schulkinder schon 30 bis 45 Minuten lange Arbeitsphasen eingeplant werden.

Pausen und gemeinsame Zeit nach einer Arbeitsphase (oder einer Allein-Spiel-Phase) sind der Schlüssel zur Zufriedenheit aller. Genießen Sie die arbeitsfreie Zeit ganz bewusst, zum Beispiel mit einem gemeinsamen Spiel. Schöne gemeinsame Momente können uns durch den Tag tragen.

 

5. Wechseln Sie sich bei der Betreuung ab.

Wenn beide Eltern zu Hause sind, teilen Sie sich auf, wer wann die Kinder betreut oder während der Arbeitsphasen ansprechbar ist. Dann kommt immer eines der Elternteile dazu, seine Sachen zu erledigen. Oder es hat Zeit, mal durchzuatmen.

 

6. Verabreden Sie Zeichen, wenn Sie – oder auch die Kinder – nicht gestört werden wollen.

Wenn Sie eine Weile ungestört arbeiten oder telefonieren möchten, beziehen Sie die Kinder in die Lösung mit ein. Auch mit kleineren Kindern kann man gemeinsam Zeichen oder Bilder überlegen, die zeigen, ob eine Störung gerade willkommen ist oder nicht. Das können zum Beispiel eine Ampel oder vom Kind gemalte Smilies sein.  Und wenn eines der Kinder doch ins Videomeeting platzt: Bewahren Sie die Ruhe. Gerade in der jetzigen Situation wird jeder Verständnis dafür haben. Die verabredeten Zeichen sollten aber auch für die Kinder gelten, wenn diese nicht gestört werden wollen, zum Beispiel wenn sie lernen, in Ruhe ein Hörspiel hören wollen oder sich online mit Freunden treffen.

 

7. Legen Sie angemessene Medienzeiten fest.

In vielen Familien wird die übliche Faustregel von 30 Minuten Medienzeit im Kindergartenalter und 60 Minuten im Grundschulalter im Moment nicht umzusetzen sein.  Versuchen Sie dennoch, feste Zeiten zu verabreden. Nur so lernen Kinder, mit Medien umzugehen und ihre Zeit einzuteilen. Zum Beispiel: Nach einer Folge der Lieblingsserie bleibt noch eine halbe Stunde für etwas anderes.  Medienzeit umfasst die Nutzung aller elektronischen Medien: Fernsehen, Tablet, Handy und Konsole.

Letztlich können Sie Ihre Kinder am besten einschätzen und entsprechend für Ausgewogenheit sorgen.  Aktive  Kinder, die sich auch ohne elektronische Medien gut beschäftigen, können auch mal mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen, weil sie nicht daran kleben bleiben. Bei Kindern, die sich nur schwer zu etwas anderem aufraffen können, besteht die Gefahr, dass sich dieses Verhalten noch verstärkt. Hier können Sie mit gemeinsamen Spielen und Beschäftigungen gegenwirken. Die meisten Kinder machen nämlich am liebsten etwas mit anderen zusammen.

 

8. Erlauben Sie sich, weniger zu schaffen als sonst.

Wenn Eltern sich unter Druck setzen, im Homeoffice genauso produktiv zu sein wie auf der Arbeit, kann das nicht gelingen. Die meisten Arbeitgeber haben dafür Verständnis. Wenn Sie sich erlauben, in dieser besonderen Situation  weniger zu schaffen als sonst, können Sie sich über das freuen, was geht, aber auch die Zeit mit den Kindern genießen. Eltern tun also gut daran, ihre Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben und die Situation zur Entschleunigung zu nutzen. Viele Familien gestalten die von außen verordnete Zeit auch bewusst mit gemeinsamen Spaziergängen in der Natur oder mit Fahrradtouren. Bewegung, Abwechslung und neue Eindrücke tun allen gut und nachher lässt es sich auch leichter wieder zu Hause miteinander umgehen.

 

9. Reden Sie mit Ihren Kinder über deren Ängste und bleiben Sie authentisch.

Ängste können auch zu Spannungen untereinander führen. Deshalb ist es gut, wenn Sie mit Ihren Kindern über deren Ängste sprechen. Gehen  Sie offen und ehrlich auf die Fragen Ihrer Kinder ein, aber überschütten Sie sie nicht mit Informationen. Achten Sie auf altersgerechte Erklärungen.

Sie müssen nicht auf alle Fragen ihrer Kinder eine Antwort wissen. Es kann Spaß machen, gemeinsam nach Antworten zu suchen. Und bleiben Sie in den Gesprächen authentisch, selbst wenn Sie verunsichert sind. Zum Beispiel, wenn Sie nicht genau sagen können, wann man die Großeltern wiedersehen kann. Kinder haben ein gutes Gespür dafür, ob ihre Eltern das, was sie sagen, auch meinen. So können Sie als Familie lernen, auch Unsicherheiten gemeinsam auszuhalten.

Wichtig ist es dennoch, dass Sie zwischen ihren eigenen Ängsten und denen ihrer Kinder unterscheiden. Erwachsenenthemen wie mögliche existenzielle Ängste sollten auch Themen unter Erwachsenen bleiben und besser abends mit Freundinnen und Freunden besprochen werden.

 

10. Achten Sie auf sich.

Wenn es den Eltern gut geht, geht es auch den Kindern gut. Bei allem Stress: Finden Sie Dinge, die Ihnen gut tun und helfen, sich zu entspannen. Wo sind Ihre Kraftquellen? Yoga, Meditation, ein strammer Spaziergang – vieles geht auch trotz der momentan geltenden Regeln

Stichwort: Evangelische Beratungsstellen

Die aktuelle Situation stellt viele Familien vor Herausforderungen. Im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland gibt es zahlreiche Beratungsstellen, die Familien unterstützen und während des Kontaktverbots telefonische Sprechstunden anbieten. Eine Übersicht der Beratungsstellen für Familien-, Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung, die eine Telefonberatung anbieten, findet sich hier.
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